Tobi freut sich im Trockner, einer Fönbox mit Glasfenster

 
 
Ihre Kunden laufen auf vier Beinen: Hundefriseurin Kerstin Wieschermann hat ihren Salon in Brassert.

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Tobi ist ein begossener Pudel. Mit handtuchtrockenem Fell und ausgewrungenen Ohren hockt er vor Kerstin Wieschermann und freut sich. Duschen wird nicht sein Hobby. Selbst, wenn das Shampoo nicht in den Augen ziept und mit Kokos, Aloe Vera und sogar Jojoba veredelt wurde.

Tobi ist Stammgast in Wieschermann Hundefrisierstübchen in Brassert. Alle vier Wochen bringt ihn Frauchen vorbei, um ihn baden und frisieren zu lassen. Osada ist bereits gestylt: Die Afghanenhündin mit den langen grauen Haaren liegt im Vorraum, die perfekt geschorene Schnauze auf den samtig weichen Pfoten. "Sie hatte vor kurzem eine Operation", sagt die Hundefriseurin. Den glücklicherweise harmlosen Tumor hat sie entdeckt, bei Osadas Besuch zuvor. Ihre mehr als 500 tierischen Kunden kennt sie genau. Sie weiß, was sie mögen und wo sie empfindlich sind. Das müsse sie auch, sagt sie. Schon, um Stress unter ihren Kunden zu vermeiden. "Bisher habe ich noch alles im Kopf, aber ich fange jetzt mit Karteikarten an."

Tobi sitzt jetzt im Trockner, einer Fönbox mit Glasfenster. Begossen sieht der Zwergpudel nicht mehr aus. Im Gegenteil: Sein Fell glänzt und wird zusehends voluminöser. Als alter Hase lässt er sich den warmen Wind ungerührt durchs Fell wehen. Kommt ein Hund zum ersten Mal, sind aber Geduld und Ruhe gefragt. "Diese Termine mache ich lieber abends, wenn das Telefon nicht mehr klingelt und die Besitzer dabei sein können." Ausgiebig wird dann erst einmal geschmust und gespielt. "Diese Erfahrung ist wichtig für den Hund, weil er sie nicht vergisst." So soll das erste Bad zu Hause stattfinden, auch die Fönbox bleibt zunächst kalt. "Bloß nie mit Zwang etwas versuchen", sagt Wieschermann.

Von Haus aus ist die 34-Jährige eigentlich Kauffrau im Einzelhandel. In dem Salon, der früher Erich Köster gehörte, hat sie aber jahrelang mitgeholfen. Als sie arbeitslos wurde, ging sie drei Jahre lang bei ihrem Mentor in die Lehre und lernte die Hundefrisiererei von der Pike auf. Seit vier Jahren gehört ihr der Salon, von dessen Wand der kürzlich verstorbene Köster lächelt. Ihm habe sie sehr viel zu verdanken.

Während Tobi trocknet, befreit Kerstin Wieschermann die Malteser-Yorkshire-Dame Alana von störenden Haaren im winzigen Gesicht. Den umgebauten Friseurdrehstuhl hat sie auf Ellbogenhöhe gepumpt, um Alana in die dunklen Augen schauen zu können. Schnipp, schnipp, schnapp: Augen und Öhrchen sind wieder frei. "Du sollst doch nicht aussehen wie eine Fledermaus", lacht Wieschermann und knuddelt ihre Kundin.

Beim hündischen Haarschnitt zählt nicht nur die Optik, sondern vor allem die Gesundheit. Zu Wieschermanns Service gehören deshalb auch das Krallenschneiden und die Ohrenwäsche. Oft verliert die junge Frau dabei auch ihr Herz an ihre Kunden. Wenn sie dann erfährt, dass Fiffi oder Bubi nie mehr mit dem Schwanz wedeln können, kullern die Tränen.

Tobi freut sich. Schon wieder. Als er aus der Fönbox kommt, sieht er im ersten Moment wie ein Fellknäuel aus. Aber noch fehlt ja der Formschnitt. Gerne würde Kerstin Wieschermann jemanden einstellen, den sie anlernen kann. Der Terminkalender ist rappelvoll, Freizeit eine Ausnahmeerscheinung. "Aber das ist eine Sache des Vertrauens." Bis dahin knuddelt, duscht und schneidet sie selbst. Und freut sich über jedes Lächeln, mit dem ihre zweibeinigen Kunden den Salon verlassen.

Informationen im Internet:

http://www.hundefrisierstuebchen.de

24.09.2004   Von Claudia Vüllers WAZ-Serie:

Tierische Jobs